Fasten
Das verwunschene Tal - Ein Fastenmärchen von Nina Stögmüller
Es war einmal ein Mädchen, das lebte mit seiner Mutter in einer Hütte am Waldrand. Eines Tages wurde die Mutter schwer krank. Das Mädchen überlegte, wie es der Mutter helfen könnte und erinnerte sich an die weise Waldhexe, von der schon die Großmutter erzählt hatte. Die Waldhexe lebte am Ende des weit entlegenen Baumtals, das viele Tagesmärsche von der Waldhütte entfernt lag.
Nachdem es der Mutter von Tag zu Tag immer schlechter ging, beschloss das Mädchen sich aufzumachen um die Waldhexe zu suchen. Zuvor versorgte es die kranke Mutter mit allerlei Naturmedizin und versprach so bald wie möglich wieder heim zu kehren.
Als das Mädchen nach einigen Tagesmärschen den Eingang des Baumtals erreichte, blieb es verwundert stehen. Wo sich früher eine waldreiche Gegend befand, war nur noch nackter Stein und Kargheit zu sehen. Es gab keine Wiesen und Wälder mehr und auch keine Bäche und Flüsse, sogar die Sonne war hinter dunklen Wolken verschwunden, es herrschten Kälte und Finsternis.
Vor lauter Angst hätte das Mädchen am liebsten gleich wieder kehrt gemacht, doch die Gedanken an die geliebte Mutter, die krank zu Hause auf Hilfe wartete, ließ es seine Reise mutig fortsetzen.
"Was ist nur passiert mit dem schönen grünen Baumtal?", fragte sich das Mädchen selbst und war erstaunt, als die Antwort nicht lange auf sich warten ließ.
"Dieses Tal hier heißt schon lange nicht mehr Baumtal, sondern wird nur noch das Höllental genannt."
Aber wer sprach hier?
Plötzlich entdeckte das Mädchen eine Eule, die am Wegesrand gelandet war.
Wie es sich heraus stellte, war das weise Federtier die allerletzte Bewohnerin des Tals, alle anderen Tiere waren längst verschwunden. Die Eule erzählte dem Mädchen die traurige Geschichte, wie das schöne Baumtal zum Höllental wurde.
Die gute alte Waldhexe lud eines Tages ihre Schwester ein, sie im grünen Tal zu besuchen um ihr die üppigen Naturschönheiten zu zeigen. Doch die Schwester war eine böse Hexe und hatte nichts im Sinn mit schönen Dingen. Ihr stand der Sinn viel mehr danach, alles zu zerstören, was ihr in den Weg kam und so ließ sie ihre Schwester die Waldhexe mit Hilfe eines Zaubertrankes in einen nimmer enden wollende Schlaf fallen, um sich das Baumtal selbst anzueignen und es seiner Naturschätze zu berauben.
Das Mädchen fing an zu weinen, als es das hörte. Wie sollte es jetzt nur die Mutter retten, wenn es die gute Waldhexe nicht mehr gab? Doch die weise Eule wusste Rat.
Seit das Baumtal zum Höllental geworden war, hatte sich schon lange kein Mensch mehr hierher verirrt. Alle hatten Angst vor dem Fluch der schwarzen Hexe, und doch gab es eine Möglichkeit, das Tal zu retten. Nur ein Mensch reinen Herzens, der aus reiner Liebe das verwunschene Tal betrat und frei von Angst war, konnte den bösen Zauber lösen.
Die Eule wusste genau Bescheid, was zu tun war und war überglücklich, mit dem Mädchen nun endlich ein Menschenkind reinen Herzens im Höllental anzutreffen.
Das Mädchen musste es schaffen, in nur fünf Tagen das Tal zu durchqueren und durfte dabei keinerlei Speisen zu sich nehmen und zu niemanden ein Wort sprechen. Mit auf den Weg bekam es von der Eule eine Flasche Wasser, die sich immer wieder von neuem füllte sowie einen Apfel, den das Mädchen erst am Ende seiner Reise zu sich nehmen sollte.
Die Aufgabe war nicht leicht, am Anfang fühlte sich das Mädchen immer wieder geschwächt von der Wanderschaft und war versucht, in den köstlichen Apfel zu beißen, doch es erinnerte sich an die Worte der Eule und hielt tapfer durch.
Und je mehr Wasser das Mädchen aus der Zauberflasche der Eule trank, desto mehr Energie schien es zu bekommen. Nach den ersten zwei Tagen, bemerkte das Mädchen dass es durch den Verzicht auf Nahrung immer klarer wurde im Kopf und trotzdem sehr viel Kraft hatte, es verlor seine Angst und wurde immer zuversichtlicher, das Tal von seinem Fluch zu befreien und gleichzeitig damit die Mutter zu retten.
Viele kalte, nackte Steine und Felsen traf sie am Wegesrand, sie sahen traurig aus und sprachen das Mädchen immer wieder an: "Bleib stehen, liebes Mädchen, wir haben allerlei gute Sachen für dich … Schweinebraten und Knödel kannst du bekommen und einen ganzen Laib Brot, wenn du willst!"
Doch hielt sich das Mädchen auch an die zweite Abmachung der Eule und sprach kein einziges Wort während der langen Wanderung.
Nach fünf Tagen kam das Mädchen endlich am Ende des Höllentals an. Was war jetzt zu tun? Sollte es einfach den Apfel essen und sehen was passierte?
Wie einen kleinen Schatz packte es den kostbaren Apfel vorsichtig aus. Als es den Apfel in Händen hielt, überkam das Mädchen große Freude. Noch nie im Leben war die Lust in einen Apfel zu beißen so groß gewesen. Schon der erste Bissen schmeckte köstlich, niemals zuvor hatte es einen einfachen Apfel so genießen können wie nach ihrer fünftägigen Wanderung durch das Höllental.
Im selben Moment, als das Mädchen in den Apfel biss, zog ein fürchterliches Gewitter auf. Blitze zuckten, der Wind peitschte Regen über die kahlen Steine des Tals, doch unser Mädchen war so konzentriert auf seinen Apfel, dass es dieses fürchterliche Wettertreiben rings herum gar nicht bemerkte.
Als es den Apfel genussvoll aufgegessen hatte, war auch das Unwetter wieder vorbei. Und nicht nur das Wetter hatte sich verändert, sondern das ganze Tal. Das Mädchen hatte alle drei Aufgaben der Eule erfüllt und damit auch den Fluch des Baumtals gebrochen, das jetzt wieder in seiner vollen grünen Pracht erstrahlen durfte.
Die Eule kam geflogen, und beglückwünschte das Mädchen, dass es durchgehalten hatte und durch ihren Mut, ihre Liebe und ihre Tapferkeit das Tal vom bösen Zauber der Schwarzen Hexe befreit hatte.
Die gute Waldhexe erwachte durch den gelösten Bann aus ihrem Zauberschlaf und freute sich, dass das Tal wieder im Einklang mit der Natur war. Als Dank für die Erlösung erhielt das Mädchen die heilende Medizin für seine Mutter. Überglücklich kehrte das Mädchen nach Hause um der Mutter das Heilmittel zu verabreichen. Die Mutter wurde schnell wieder gesund und war dankbar über die rasche Genesung.
Die Eule gab dem Mädchen noch einen Rat mit auf den Weg. Eine Zeit lang nichts zu essen und viel Wasser zu trinken, das war nicht nur im Höllental eine gute Methode Körper, Geist und Seele zu schützen, sondern auch im Leben selbst. Denn wenn die Außenwelt bedrohlich wird oder es Schwierigkeiten gibt, dann ist es immer gut, sich von Innen her zu reinigen und klaren Kopf zu bewahren.
So lebte das Mädchen gemeinsam mit seiner Mutter glücklich und zufrieden in der Waldhütte, und wenn sie nicht gestorben sind, dann fasten noch heute für ein paar Tage im Jahr und helfen sich damit selbst, ihre Gesundheit und ihren Seelenfrieden zu erhalten.